Sunday, September 11, 2005

Sonntag in Oaxaca -- September 11

Sontag morgen... dass heisst eigentlich ist's eher Vormittag, wobei viertel nach eins eigentlich schon als Frûhnachmittag gilt.

Egal. Oaxaca hat sich echt verlangsammt. Um diese Zeit sieht man eigentlich fast nur Touristen in der Stadt. Die heimischen Oaxaceños sind gerade in der Kirche, oder beim bûrgerlichen Mittagsmahl. Schon verrûckt wie aussergewôhnlich so ein "normaler" Sonntag aufgefast werden kann wenn man das "normale" bereits weit hinter sich gelassen hat.

Ausserdem hat alles geschlossen! So eine Frechheit... selbst ein Internetcafe war schwer zu finden. Und ich schätze auf dem Markt wird auch wenig los sein. Was werd ich bloss essen? Mal sehen, wenn mich der Hunger da hintreibt... aber die Frauen, die vor der Jugendherberge Quesadillas kochen werden wohl noch arbeiten... hoff ich.

So sieht also der Alltag hier aus: Auf den Markt gehen, Einkaufen, zurückkommen und kochen. Dann essen. Wenn man's richtig macht, kann damit locker ein ganzer Tag weggehen. Zumal in der Küche, wo alles vorbereitet wird, sich auch das soziale Leben der Herberge abspielt. Die Leute sind ein ständiger Mix von den verschiedensten Rucksäcklern, vor allem aus Westeuropa und Nordamerika, die höchstens ein paar Tage bleiben. Es gibt aber auch Leute die es etwas ernster meinen mit Mexiko, und die folglich auch etwas länger die Küche teilen.

Da gibt es zum Beispiel einen jungen Journalisten aus Deutschland, der vorhat bei den Zapatisten in Chiapas als peace-watcher zu arbeiten, und die dortige Lage zu dokumentieren. In anderen Worten im Dorf mitwohnen, und mit seiner Präsenz die (Para-)Militärs vom Gemätzel der Bevölkerung abhalten. Mit ihm reist auch ein anarchistisches junges Mâdel, die eher von einer Vision an eine bessere Welt getrieben wird, und nach Deutschland gar nicht mehr zurück möchte. Um allerdings als Peace-watcher angenommen zu werden, mûssen beide ihre Spanischkentnisse erweitern, was sie allerdings sehr diszipliniert durchziehen.

Und Spanische Konversationspartner gibt es hier jede Menge. Ein ehemaliger Zapatist (heute Grünzeugverkäufer) wohnt ebenfalls bei uns, zusammen mit Freunden und seiner Schnecke, die sich so gut mit Körpersprache auszudrücken weiss, dass man Wörter versteht die einem gar nicht bekannt waren. Jeder Lehrer kann sich an ihr nen Beispiel nehmen. Pablo aus D.F. ist ein anderer "Konstanter". Er ist Tattoo-künstler und möchte für ne Weile in Oaxaca leben, oder mal schaun. Momentan ist er aber eher Gitarrenspieler und lehrer hier im Santa Isabell. Ausserdem kommen fast täglich irgendwelche Leute aus Spanien oder dem Baskenland vorbei. Erst gestern wurde uns ein Video gezeigt von dem Abriss eines besetzten Hauses in Pamplona. Die radikale Atmosphere, bwz. die politischen Diskussionen die es ausgelöst hat... WHANSINN! Zapatisten, Anarchisten, Leute die den Staat nicht so mögen kommen in der Regel gut weg. Aber wenn es um Oligarchen geht, korrupte Beamte, oder irgendwelche Staatsaparate...

Gestern gab es eine Politische Demo direkt in unserem Viertel. Andres Manuel Lopez Obrador war in der Stadt, und zog eine Schaar von Fans mit sich. Eine Regelrechte Volksfeststimmung brach aus; selbst beistehende Passanten wurden vom Herdentrieb erfasst, und jubelten dem Präsidentschaftskandidaten zu. Obrador, gegenwärtiger Bürgermeister von Mexico City, ist der hoffnungsträger der Nation. Mit seiner gelben Partei PRD (Partei der Demokratischen Revolution) will er als erster linker Präsident das mexikanische Ruder an sich reissen, und alles in seiner Macht tun um den Armen, Bedürftigen und Ureinwohnern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Klingt vielleicht reisserisch, aber das war die Essenz von dem was er in seiner Stundenlangen Rede von sich gab... was ich zum Teil auch verstand. Den Rest selber ausdenken war nicht schwer. Beeindruckend fand ich jedoch die Reaktion der Menge. So aufgeregtes Gejubel gibt es normal bei Fussballspielen. Allerdings ist Obrador auch kein gewöhnlicher Kandidat. Nachdem die Mexikanische Revolution ca. 1920 rum alle seine eigenen Kinder aufgefressen hatte, wurde die PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution) Staatspartei, die bis zum Ende des Jahrhunders jede Wahl gewann. (So ungefähr wie heute die CSU in Bayern.) Die Partei PAN (Brot) die gerade mit Vincente Fox an der Macht ist, ist aber führ viele Mexikanier schlimmer als die erst kürzlich abgewählte PRI. Warum? Nun, darauf konnte ich noch keine gute Antwort finden, oder falls sie mir auch zo Ohren kam hielten mich sprachliche Probleme zurück. Jedenfalls hat es was mit Korruption, grossen Konzernen, Coca Cola (dessen CEO Fox gewesen ist) und den USA zu tun. Egal. Ich seh die Sache eh nur als Aussenseiter. Viel Gefeier für bunte Farben.

Allerdings scheint es fast so dass hierzulande alles mit Politik zusammenhängt, wovon mir vieles noch unbekannt ist. So hat Sprache zum Beispiel eine politische Bedeutung. Englisch zu sprechen ist verständlicherweise verpönt, was den wenigen Amerikanern hier das Leben nicht erleichtert, selbst wenn sie die chilligsten Althippies sind (die das Spanische eigentlich schon vor Jahren hätten meistern sollen). Das gleiche gilt aber nicht für Deutsch. So würde es keine schlimmeren Blicke auf sich ziehen, wenn die Gruppe von vier oder fünf Deutschen die Küche dominieren täte... was sie aber komischerweise dann doch nicht tun. Es wird Spanisch gesprochen... gebrochen... gesprochenes Spanisch gebrochen. Wenn's einem auch noch so schwer fällt.

Es gibt allerdings auch ein paar Sonderlinge, denen Sprachen keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. So wohnt z.B. Gabriel bei uns, ein Kanadischer Anthropologe der gerade an seinem Master project arbeitet. Er ist einer der mit den einheimischen spanisch spricht, mit den Franzosen französisch, mit den Amis auf Englisch, und mit den Deutschen auf der Sprache die in dem Fall am besten läuft.

Wenn die Unterhaltung solche Hürden aufwirft versucht man natürlich alles mögliche um sich anderweitig zu unterhalten. So werden oft Würfel gespielt (bis jetzt sind die zwei Lieblingsspiele Mäxchen und das andere Spiel mit fünf Würfeln, das in Giessener Studentenwohnheimen so beliebt ist. -- Ich hab sie nicht eingeführt, war alles schon!)

Eine andere Art sich (und zum Teil auch andere) zu unterhalten ist Musik. Zwei der Konstanten Bewohner des St Isabel spielen sehr gut Gitarre, die sie auch anderen gerne beibringen. Dazu kommt noch dass man sich für ca 25 US-Dollar eine Gitarre kaufen kann, und damit eben ewig viel Spass haben (nachdem die Schmerzen und Frustration überwunden sind). Dazu kommen noch so viele Leute hier durch die irgendwas spielen und einem zeigen können. Vor ein paar Tagen erst hat mir argentinischer Reisender einen total lebendigen Gaucho Rytmus gezeigt. Ich glaube es heisst Marimba. Hört sich auf jeden Fall geil an!

So ist das Alltagsleben doch recht angenehm. Langweilig wird es kaum. Musik, Sprache, Kochen, Essen, Politik labern... jetzt bräucht ich bloss arbeit! Aber noch haben wir Sonntag. So werd ich mich also wieder dahin zurückbegeben wo gekocht und gelabert und musiziert wird. Unterwegs will ich noch auf dem Markt vorbeischauen, um evtl. selber was beizusteuern. Dann treff ich mich heute Abend mit einer Englischlehrerin die schon seit Jahren hier arbeitet und mir nützliche Tips geben will. Hoff mal aufs beste!

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