Regenzeit -- Oktober 04
Es regnet. Das ist nicht allzu sonderlich, schliesslich sind wir in der Regenzeit, wovon Oktober der letzte Monat ist. Das bedeutet nicht dass es regnen muss, aber es kann wenn es will. Meistens gibt es Abends ein oder zwei Stunden kräftige Schauer, mehr nicht. Jetzt regnet es jedoch schon seit drei Tagen ununterbrochen! Und zwar nicht nur so wie die drei bzw. mehrtägigen Pisswetter, die man aus Deutschland kennt. Hier schüttet es volle Pulle... und die Pulle scheint nicht mal leer zu werden.
Der Grund für dieses ungewöhnliche Wetterphenomen hat einen Namen: Stan. Er hat bereits an beiden Küsten (!) Angst und Schrecken verbreitet, und für jede Menge Verwüstung gesorgt. Nach dem kleinen Erdbeben hier war das meine zweite Naturkatastrophe in zwei Wochen. Ich bin nur knapp mit dem Leben davongekommen. Okay, letzteres war knallharte Übertreibung, aber am Sonntag bevor es losging, sass ich gerade auf den obersten Hängen als die Wolken durchzogen. Es war gigantisch zu sehen...
Einige Freaks aus der St. Isabell Herberge haben sich in den Kopf gesetzt, sich übers Wochenende was in den Kopf zu setzten. Was wäre ein geeigneterer Ort dafür als San José de Pacífico, wo die legendäre Maria Sabina einst als Reiseleiterin tätig war. (Die Eagles sollen sie besucht haben, sowie Dylan und weitere Gesichter aus Hollywood.) Da sie heute nicht mehr unter uns weilt, wurde ihr Amt von der mittlerweile ebenfalls recht legendären Catalina übernommen.
Wir waren zu siebt: Mike aus Austin, TX, der Mann mit der Idee und dem Plan; Gabriel, der
andere Antropologe und neuerdings auch Gitarrenspieler aus Vancouver, BC; Pablo, der glatzköpfige Gitarrenlehrer und Tatoo-künstler aus México D.F.; Sarah und Morgett aus Frankreich, mit denen man sich am besten auf Französisch unterhällt (auch wenn dieses mehr Ähnlichkeit mit Spanisch, Englisch oder Deutsch aufweist); und Joe aus England, der sich seit über 15 Jahren nichts mehr geschmissen hat und es kaum abwarten konnte.
Mit dem Bus fuhren wir nach San José, wo wir bei Dunkelheit den Weg zu Catalinas Hexenhäuschen finden mussten. Anfangs haben
uns Leute im Dorf die Richtung gezeigt, später waren wir allerdings auf herrenlose Hunde angewiesen, sowie die paar Lichter die durch den Wald schienen. Einmal waren wir fast soweit dass wir allgemeine Ver(w)irrung ausriefen, und zwei Leute vorausschickten um sicherzugehen. Es stellte sich heraus das wir einfach nur dem Licht folgen mussten.
Als wir ankamen (natürlich total unangekündigt... wie auch?) hat uns Catalina bereits erwartet. Sie stand in der Tür und hat uns zugewunken. Oben waren die Betten gemacht, und in der Küche simmerte ein Topf
lecker vor sich hin. Im Zimmer standen sieben Tassen mit dampfendem Tee auf dem Tisch. Fragt mich nicht wer ihr von unserem Kommen berichtet hat, die Vögel oder die Hunde, aber wir wurden aufgenommen wie lange nicht gesehene Urenkelkinder.
Innen drin sah ihre Hütte wie ein total verspultes Lebkuchenhaus aus. Richtig gemütlich, aber unglaublich vertrippt. Sämtliche Wände waren mit interessanten Symbolen bemalt, wobei keine Stelle unbemalt gelassen war. Selbst hinter dem Foto von Pancho Villa starrte ein sehr krank aussehender Don Quixote hervor. Nachdem wir
unseren Tee getrunken haben hat uns Catalina auch (sehr angebrauchte) Filzstifte, Buntstifte, Wachsmalkreiden, Pinsel, und Farben die aus Tuben kamen in die Hände gedrückt, dass wir auch was auf die Wände malen sollen. Ja klar doch, aber wohin? Ist egal. Irgendwo wird sich schon eine frei Stelle finden. Oben im Gästezimmer gab es dann einige leeren Wände...
Lange musste man uns aber nicht anstacheln bevor der Tee Wirkung zeigte. Es war sehr mellow, aber wir hatten ein paar gute Lacher, und dann einige noch bessere. Gemalt wurde auch ein bisschen, aber in grössere Gedankengänge haben wir uns nicht verfangen.
Stattdessen gingen wir raus, um die Sterne zu betrachten, von denen es jede Menge gab. Schon deshalb hat sich die Fahrt gelohnt.
Am nächsten Tag wurde sozialistisch gefrühstückt. Catalina meinte dass wir in ihrer Küche alles benutzten können wenn wir wollen, es wäre im Preis mit einbegriffen. Nach genauerer Inspektion stellte sich heraus das es trotz des Überflusses an Kräutern und Gewürzen, an fester Nahrung mangelte. So warfen wir weng Geld zusammen, gingen ins Dorf zum Einkaufen, kochten ein Frühstück das immernoch nach seinesgleichen sucht, und gaben auch Catalina was davon. Herrlich!
In den nächsten Stunden folgte ein ruhiger Sonntagnachmittag in den sonnigen Bergen: Es wurde im Garten, direkt am supersteilen Abhang herumgelungert, Schach gespielt, Musik gespielt und gesungen (die ganzen Hits natürlch: Let It Be, Zombie, Hotel California, Don't Cry, Stairway to Heaven,
Nothing Else Matters, One - die U2 Version - und vieles dergleichen). Währenddessen konnte man die Wolken sehen, wie sie von unten heruafgeweht kamen. Wie nasse Lappen streiften sie durch unsere Runde, benetzten meine Brille, und gaben eine Angenehme Abkühlung. Wenig später sorgten sie auch für leichte Unruhe, da alle anderen an dem Abend bereits an der Küste sein wollten.
So bedankten wir uns bei Catalina für die Gastfreundschaft, zahlten insgesammt 100 pesos pro Kopf und schlendert runter ins Dorf um auf den Bus zu warten. Natürlich wurden Chips und ähnliches Knabberzeugs gekauft, womit auch die Hunde belohnt wurden weil sie so gut auf uns aufgepasst hatten. Der Bus kam, ich sprang auf, und fuhr nach Oaxaca zurück weil ich kein Bock, keine Zeit, aber vor allem kein Geld für Pazifik hatte.
Hier in Oaxaca hat mich dann das Wetter eingeholt. Die Wolken die man in San José so schön sehen konnte liessen ihrer Ladung freien Lauf, wovon immernoch recht viel übrig zu sein scheint. Inzwischen habe ich auch erfahren dass die sechs anderen direkt in den Hurrikan fuhren. Krasse Sache... mittlerweile sind Gabriel und Pablo zurückgekommen, und angeblich geht es den anderen auch gut. Morgett und Sarah fuhren nach Guatemala weiter, und Mike und Joe... naja, sie wollten eben noch am Strand bleiben. Ich hoff sie haben die Krise gut überstanden, aber habe wenig Zweifel dass sie bald wieder in Oaxaca sein werden.