Tiefdruck -- November 10
Wie sich Dinge ergeben haben, bin ich in Mexico City gelandet. Die ganzen Hurrikane hab ich überlebt da ich erst nach Emily angekommen bin, Stan um Haaresbreite entkam, und als Wilma zuschlug ich längst nicht mehr auf dem Yucatan war.
Hier in der Hauptstadt kommt sowas nicht vor. Brauchen wir auch nicht, es gibt andere Dinge, die fast so nervig sein können. Die letzten zwei Tage, zum Beispiel, hatten wir Wolken. Auch nicht irgendwelche... man konnte am Himmel keine einzige blaue Stelle sehen!!! Was in Deutschland fast schon Altag ist, und man sich auch noch freut dass es nicht regnet, kann hier ganz schlimme Folgen haben. Zumindest für Leute wie mich, die daran nicht gewöhnt sind.
Ich bin gestern mit Kopfschmerzen aufgewacht, und von da an wurde es nur noch schlimmer. Auf dem Weg zur Arbeit konnte ich nicht aufhören zu gähnen, und das nicht weil ich nur neun Stunden geaschlafen hab. Meine ersten beiden Klienten hatten sich entschieden nicht zu kommen ohne mir bescheidzusagen und so fuhr ich wieder nach Hause. In der Metro kam es mir zum Teil echt so vor als würde mir schwarz vor Augen. Das einzige was mich vorm Umkippen bewahrt hat war die Menge, die dicht gedrängt wie Sardinen standen, nichts ungewöhnliches um halb neun an einem Mittwochmorgen, und mich unweigerlich von allen Seiten stützten. Am liebsten hätte ich mich in meinen schönen Klamotten (ja, ich trage jetzt Kravatte und den ganzen Kram) mit dem Kopf nach unten auf die Treppe gelegt, wo die ganzen Bettler lungern, damit ich bisschen Blut ins Gehirn bekomme.
Was war aber bloss los mit mir? War ich krank? Wie konnte ich diese ansonsten untypische Schwäche erklären? Waren es echt die Wolken? Oder die Luftverschmutzung? Vielleicht die Tatsache dass Mexiko Stadt in über 2000 meter gelegen ist, dazu noch in einem Tal. Vielleicht war es eine Kombination von allen, und dass ich noch nicht so recht dran gewöhnt bin. Jedenfalls konnte ich so nicht herumlaufen, geschweige denn effektiv unterrichten zu können. Ich musste vorbeugende Massnahmen treffen.
Nach Untersuchung der Tatsachen beschloss ich meinen eigenen Arzt zu spielen, und mir 340 ml Coca Cola zu verschreiben. In einem anderen Blogeintrag warf ich die Frage auf warum hierzulande so ungluablich viel von dem Zeug konsumiert wird. Eine klare Antwort hab ich bis jetzt immernoch nicht, allerdings hat dieses gern getrunkene Volksgift bei mir wie ein Wundermittel gewirkt... für eine halbe Stunde oder so. Dann musste die Dosis erhöht werden. An dem Tag hab ich so ca anderhalb Liter Cola getrunken, suplementiert von einigen starken Kaffees mit viel Zucker. Meine Kopfschmerzen hat es zwar nicht behoben, aber zumindest war mein Blutdruck wieder in Ordnung.
Gut, das ist kein Regelfall hier. Normalerweise scheint die Sonne ununterbrochen, und mir geht's blendend. Es war bloss der gestrige Tiefdruck, und der Smog der damit kam. Allerdings ist alles nur eine Sache der Gewöhnung, und ich bin sicher, in ein paar Monaten werde ich so einen Tag gar nicht mehr merken. Versucht aber mal als nichtraucher auf einem hohen Berg 20 Filterlose Zigaretten zu rauchen! Soviel ist angeblich was man als Bewohner von México D.F. im Durchschnitt von der Luftverschmutzung abbekommt.
Natürlich kommt es drauf an in welchem Stadtteil man wohnt. In Iztapalapa, wo ich z.Z. in einer "Wohnung" für ca monatliche €35 hause, stinkt es schon gewaltig. Grünflächen sind eine Rarität, und Autos dominieren nicht nur die Strassen sondern auch die Läden in der umgebung. Es ist eine einzige grosse Autowerkstadt. In den kleineren Strassen stehen die geilsten Amikutschen aus den 70ern und 80ern, die aber seit den 70ern und 80ern ganz offensichtlich nicht mehr gefahren wurden. Dafür fahren vor allem Nachts die fläschigsten, aufgemotztesten Karossen durch die Gegend, mit allem was man als guter Prolet so braucht: getönten scheiben mit unglaublichen Matrizen, blankgeputzten Alufelgen, Neonlichtern am Boden, und einem Bass das die Alarme der anderen auslöst.
Die Wohnung selber ist nur provisorisch als solche zu verstehen. Im Grunde ist sie eine Zahnarztpraxis, mit einem extra Raum hinten, und einer Dusche im Klo. Weil es aber an Patienten Mangelt, verdient die Tante glaub ich an diesem Zimmer mehr als mit Zähnen. Wegen den zuvor schon erwähnten Nachteilen, vor allem aber weil ich keine Küche habe, muss ich mir was besseres suchen.
In den anderen Stadtteilen kann es schonmal ganz anders aussehen. Dort wo ich arbeite gibt es mehrstöckige Luxuswohnhäuser mit Wächtern die mit Maschinengewähren und schussicheren Westen ausgerüstet sind, und Portiers die Uniformen tragen auf die ein General aus dem 19. Jahrhundert stolz wäre. Mit dem was ich verdiene, könnte ich mir ein Leben dort auch evtl. leisten, dann bliebe aber nicht mehr viel übrig.
Ach ja, ich arbeite für International House. Wer's kennt, weiss wofür dieser Name steht. Wir unterrichten die ganz grossen Konzerne. Meine Klienten momentan arbeiten für PriceWaterhouseCooper, Johnson&Johnson, und Servicios Clinicos, wir haben aber andere auf der Liste, wie z.B. Disney, Pemex oder Coca Cola. Da ich aber erst seit einer Woche mit von der Partie bin, mach ich momentan nur Vertretungen. Und das Geld? Weiss nicht, bis jetzt hab ich keins bekommen. (Gut, am Ende des Monats krieg ich einen Scheck für... 125 pesos die Stunde, wieviel das auch sein wird.) Allerdings erledigen unsere Anwälte den ganzen Papierkrieg, ich muss nichts mehr machen. Ausserdem werd ich auch bezahlt wenn die Klienten absagen (oder einfach nicht kommen). Und im Januar werde ich selber Kurse kriegen, was ich dann aber ein ganzes Jahr durchziehen muss. Wenn nicht, muss ich die Anwaltskosten tragen. Somit haben sie mich also doch unter die Fuchtel bekommen. Verdammtes Sell-Out eben. Doch ein Jahr werd ich Mexico City aushalten können. Danach kommt Tokyo, Dubai, Taiwan, und wer weiss wo ich noch ähnliche Verträge unterschreiben werde weil ja das Geld so gut ist.
Ob's wirklich so gut ist, wird sich noch herausstellen. Auf jedenfall werd ich mir die Chance nicht nehmen lassen ein klares Bild vom Leben hier zu kreiren, in welchem Lebenstil es auch sein mag.
Hier in der Hauptstadt kommt sowas nicht vor. Brauchen wir auch nicht, es gibt andere Dinge, die fast so nervig sein können. Die letzten zwei Tage, zum Beispiel, hatten wir Wolken. Auch nicht irgendwelche... man konnte am Himmel keine einzige blaue Stelle sehen!!! Was in Deutschland fast schon Altag ist, und man sich auch noch freut dass es nicht regnet, kann hier ganz schlimme Folgen haben. Zumindest für Leute wie mich, die daran nicht gewöhnt sind.
Ich bin gestern mit Kopfschmerzen aufgewacht, und von da an wurde es nur noch schlimmer. Auf dem Weg zur Arbeit konnte ich nicht aufhören zu gähnen, und das nicht weil ich nur neun Stunden geaschlafen hab. Meine ersten beiden Klienten hatten sich entschieden nicht zu kommen ohne mir bescheidzusagen und so fuhr ich wieder nach Hause. In der Metro kam es mir zum Teil echt so vor als würde mir schwarz vor Augen. Das einzige was mich vorm Umkippen bewahrt hat war die Menge, die dicht gedrängt wie Sardinen standen, nichts ungewöhnliches um halb neun an einem Mittwochmorgen, und mich unweigerlich von allen Seiten stützten. Am liebsten hätte ich mich in meinen schönen Klamotten (ja, ich trage jetzt Kravatte und den ganzen Kram) mit dem Kopf nach unten auf die Treppe gelegt, wo die ganzen Bettler lungern, damit ich bisschen Blut ins Gehirn bekomme.
Was war aber bloss los mit mir? War ich krank? Wie konnte ich diese ansonsten untypische Schwäche erklären? Waren es echt die Wolken? Oder die Luftverschmutzung? Vielleicht die Tatsache dass Mexiko Stadt in über 2000 meter gelegen ist, dazu noch in einem Tal. Vielleicht war es eine Kombination von allen, und dass ich noch nicht so recht dran gewöhnt bin. Jedenfalls konnte ich so nicht herumlaufen, geschweige denn effektiv unterrichten zu können. Ich musste vorbeugende Massnahmen treffen.
Nach Untersuchung der Tatsachen beschloss ich meinen eigenen Arzt zu spielen, und mir 340 ml Coca Cola zu verschreiben. In einem anderen Blogeintrag warf ich die Frage auf warum hierzulande so ungluablich viel von dem Zeug konsumiert wird. Eine klare Antwort hab ich bis jetzt immernoch nicht, allerdings hat dieses gern getrunkene Volksgift bei mir wie ein Wundermittel gewirkt... für eine halbe Stunde oder so. Dann musste die Dosis erhöht werden. An dem Tag hab ich so ca anderhalb Liter Cola getrunken, suplementiert von einigen starken Kaffees mit viel Zucker. Meine Kopfschmerzen hat es zwar nicht behoben, aber zumindest war mein Blutdruck wieder in Ordnung.
Gut, das ist kein Regelfall hier. Normalerweise scheint die Sonne ununterbrochen, und mir geht's blendend. Es war bloss der gestrige Tiefdruck, und der Smog der damit kam. Allerdings ist alles nur eine Sache der Gewöhnung, und ich bin sicher, in ein paar Monaten werde ich so einen Tag gar nicht mehr merken. Versucht aber mal als nichtraucher auf einem hohen Berg 20 Filterlose Zigaretten zu rauchen! Soviel ist angeblich was man als Bewohner von México D.F. im Durchschnitt von der Luftverschmutzung abbekommt.
Natürlich kommt es drauf an in welchem Stadtteil man wohnt. In Iztapalapa, wo ich z.Z. in einer "Wohnung" für ca monatliche €35 hause, stinkt es schon gewaltig. Grünflächen sind eine Rarität, und Autos dominieren nicht nur die Strassen sondern auch die Läden in der umgebung. Es ist eine einzige grosse Autowerkstadt. In den kleineren Strassen stehen die geilsten Amikutschen aus den 70ern und 80ern, die aber seit den 70ern und 80ern ganz offensichtlich nicht mehr gefahren wurden. Dafür fahren vor allem Nachts die fläschigsten, aufgemotztesten Karossen durch die Gegend, mit allem was man als guter Prolet so braucht: getönten scheiben mit unglaublichen Matrizen, blankgeputzten Alufelgen, Neonlichtern am Boden, und einem Bass das die Alarme der anderen auslöst.
Die Wohnung selber ist nur provisorisch als solche zu verstehen. Im Grunde ist sie eine Zahnarztpraxis, mit einem extra Raum hinten, und einer Dusche im Klo. Weil es aber an Patienten Mangelt, verdient die Tante glaub ich an diesem Zimmer mehr als mit Zähnen. Wegen den zuvor schon erwähnten Nachteilen, vor allem aber weil ich keine Küche habe, muss ich mir was besseres suchen.
In den anderen Stadtteilen kann es schonmal ganz anders aussehen. Dort wo ich arbeite gibt es mehrstöckige Luxuswohnhäuser mit Wächtern die mit Maschinengewähren und schussicheren Westen ausgerüstet sind, und Portiers die Uniformen tragen auf die ein General aus dem 19. Jahrhundert stolz wäre. Mit dem was ich verdiene, könnte ich mir ein Leben dort auch evtl. leisten, dann bliebe aber nicht mehr viel übrig.
Ach ja, ich arbeite für International House. Wer's kennt, weiss wofür dieser Name steht. Wir unterrichten die ganz grossen Konzerne. Meine Klienten momentan arbeiten für PriceWaterhouseCooper, Johnson&Johnson, und Servicios Clinicos, wir haben aber andere auf der Liste, wie z.B. Disney, Pemex oder Coca Cola. Da ich aber erst seit einer Woche mit von der Partie bin, mach ich momentan nur Vertretungen. Und das Geld? Weiss nicht, bis jetzt hab ich keins bekommen. (Gut, am Ende des Monats krieg ich einen Scheck für... 125 pesos die Stunde, wieviel das auch sein wird.) Allerdings erledigen unsere Anwälte den ganzen Papierkrieg, ich muss nichts mehr machen. Ausserdem werd ich auch bezahlt wenn die Klienten absagen (oder einfach nicht kommen). Und im Januar werde ich selber Kurse kriegen, was ich dann aber ein ganzes Jahr durchziehen muss. Wenn nicht, muss ich die Anwaltskosten tragen. Somit haben sie mich also doch unter die Fuchtel bekommen. Verdammtes Sell-Out eben. Doch ein Jahr werd ich Mexico City aushalten können. Danach kommt Tokyo, Dubai, Taiwan, und wer weiss wo ich noch ähnliche Verträge unterschreiben werde weil ja das Geld so gut ist.
Ob's wirklich so gut ist, wird sich noch herausstellen. Auf jedenfall werd ich mir die Chance nicht nehmen lassen ein klares Bild vom Leben hier zu kreiren, in welchem Lebenstil es auch sein mag.
