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Thursday, December 01, 2005

Alles im Lot -- Dezember 1

Es ist Winter geworden. Das zeichnet sich durch die recht kühlen Nächte aus (manchmal kann es sogar unter zehn Grad rutschen) und dadurch dass einige Bäume auch anfangen ihre Blätter abzuwerfen. Kein Problem, wenn in acht Wochen der Frühling beginnt, kommen sie wieder. Letzteres hab ich zunächst auf die krasse Luftverschmutzung geschoben, doch bei der Weihnachtsdeko mit Kunstschnee ist es mir dann doch eingefallen: Allmälich geht das Jahr zu Ende...

Wie es so schön kam, hat sich meine Situation zum Jahresende dann doch geklärt. Ich hab Arbeit, und zwar richtig. In Januar fang ich mit meinen eigenen Kursen an, also keine Vertretungen mehr. Ich bekomme einen Vertrag von zwanzig Stunden, ganz fest. Sollten die lieben Klienten absagen oder einfach nicht kommen, ich werd trotzdem bezahlt. Dazu krieg ich eine Wohnung organisiert, ein Handy bezahlt, und sämtliche bürokratischen Papiere werden vom eigenen Anwaltsstab der Schule geregelt. Ausserdem sind Spanischkurse und jede Menge Fortbildungskurse im Pauschalpaket mit enthalten. Verdammt verdammt, worauf ich mich da eingelassen hab? Für ein Jahr hab ich mich verpflichtet, aber was soll's. Anscheinend führ kein Weg an der Grosstadt vorbei.

Wieso ich mich schliesslich doch für die Wohnung der Schule entschieden hab? Naja, andere Wohnungen haben ein paar Nachteile, egal von welchem Stadtteil die Rede ist: Es ist SAUSCHWER eine zu mieten!!! Zunächst muss man die Miete für die ersten zwei, drei, bei manchen sogar VIER Moante im Voraus bezahlen, auch wenn ich vertraglich unterschreibe für mindestens ein Jahr einzuziehen. (Logik???) Dann braucht man mehrere Referenzen (natürlich aus Mexico City) die bestätigen dass ich glaubwürdig, ehrlich, reich, etc. bin, und dass ich die Miete bestimmt immer pünktlich zahlen werde. (Aber klar doch!) Damit aber ist es noch nicht genug. Ich brauche einen Bürgen(!!!) D.h. jemanden der sich verbürgt, falls ich die Miete irgendwann doch nicht zahlen täte, dass er sie statt meiner übernimmt. All diese krassen Zumutungen sind auf ein Gesetz zurückzuführen, der ursprünglich erlassen wurde um "arme Leute zu schützen", letztendlich aber arme Leute abzockt: Wenn man die Miete nicht zahlen kann, darf man zwei Jahre nicht rausgeschmissen werden. Klar dass somit jeder mehrere Vorkehrungen trifft.

Nach all diesen ärgerlichen Dingen, die man auf sich nehmen muss wenn man eine Wohnung bezieht, kommt noch dazu dass die wenigsten Wohnungen möbiliert sind. Was mich hierbei am meisten stört, ist nicht das Fehlen einer Glasvitrine oder einer Ledercouch, sondern eher die eines Kühlschrankes, eines Herdes, oder eines Wasserboilers. Natürlich kann man all diese Dinge kaufen, (neu oder gebraucht) und installieren (lassen), aber jetzt mal im Ernst... Kein Wunder also dass man hierzulande noch bei den Eltern wohnt wenn man längst mit der Uni fertig ist, und dabei ist Pläne für Hochzeit, Familie, eine eigene Praxis, etc. zu schmieden. Selbst dann will man aber nicht zu weit weg... Ich rede gerade von meiner Vermieterin, die neunundzwanzig ist, praktizierende Zahnärztin, aber immernoch in ihrem Mädchenzimmer unten bei den Eltern wohnt. Die Mexikanische Gesellschafft ist in dieser hinsicht unglaublich inflexibel.

So werde ich also in einer Wohnung von IH wohnen, und zahl ihnen das Geld zurück das ich von ihnen bekommen hab... zumindest 2000 pesos. Die Mitbewohner sind ebenfalls Lehrer aus England, den Staaten, Südafrika, Irland, gottweiss-woher, und hoffentlich auch Finnland. Dazu später mehr.

So gesehen ist die Situation im Vergleich zum Vorjahr nicht viel anders: Mexico City ist zweimal so gross wie das ganze Land Ungarn, aber dafür sind die Tomaten (etwas) billiger. Meine Wohnung ist zwar genauso klein, dafür hat sie mehr Licht. Das Geld ist zwar im absacken (vor allem nächstes Jahr vor den Wahlen) dafür verdiene ich hier in 20 Stunden so viel wie in Budapest vollzeit. Die Mädels sind genauso hübsch, allerdings haben sie hierzulande seltsame Vorstellungen von Romantik. Das Meer ist hier ebenso eine Tagesfahrt von hier, dann liegen allerdings gleich zwei Ozeane vor meinen Füssen... Die Leute sprechen zwar eine andere Sprache, die man sich aber in einem Jahr aneignen kann. Somit geht es mir eigentlich ganz gut.

Das beste ist jedoch, bevor ich anfange zu arbeiten hab ich erstmal drei Wochen Ferien!!! Nächsten Montag muss ich an einem Meeting teilnehmen, danach jedoch kann ich erstmal auf eine kleine Tour gehen. Ein bisschen Strandurlaub, ein paar Mayaruinen anschauen, Leute in Oaxaca besuchen, im allgemeinen ganz stressfrei mit Bier und Gitarre locker machen... wird ganz nett. Zum Schluss noch Silvester in der grössten Menschenmenge der Welt feiern, und dann geht's gleich los.

Die Arbeit ist nämlich nicht ganz ohne. Von drei Wochen Vertretung weiss ich so bisschen was auf mich wartet. Der Unterricht findet nicht in der Schule statt sondern draussen bei den Firmen. Wir unterrichten Business English bei den ganz grossen: Disney, Coke, PriceWaterhouseCoopers, etc. Natürlich sind diese in den verschiedensten Winkeln der Bürogegend verstreut, zu denen wir mit Bussen und der Metro rausfahren müssen. Wenn irgendetwas auf dieser Welt als EXTREM zu bezeichen ist, dann die öffentlichen Verkehrsmittel von Mexiko Stadt. Busse haben weder Haltestellen noch Nummern (von Fahrplänen ganz zu schweigen, aber wer rechnet schon mit sowas spiessigem?), man muss sie so anhalten, und mit dem Fahrer verhandeln wo er einen absetzen soll. Zum Teil sind diese "Stadtbusse" nichts als Collectivos, also Grossraumtaxis (runde VW Busse) mit fester Linie und Preisen. Mitgenommen wird grundsätzlich jeder der reinpasst, frei nach der Devise: Wenn kein Platz ist wird halt Platz gemacht.

Selbiges gilt bei der U-Bahn. Die Stosszeiten von ca halb sechs am Morgen bis elf Uhr, und von zwei Uhr Nachmittags bis sieben oder acht am Abend. Ansonsten ist es auch recht schwer einen Sitzplatz abzubekommen, aber wenigstens muss man dann nicht übereinander klettern. Dazu kommen noch die Extremzeiten, so 7-9 am Morgen, wenn bewaffnete Sicherheitskräfte das Verkehren kontrolieren. Es ist wie ein grosses Spiel, dem Rugby nicht unähnlich, also eine Art Frühsport: Männer und Frauen werden getrennt um das Spiel so fair wie nur möglich zu gestalten. Die Bahn kommt, und erst müssen die Leute aussteigen. Das ist nicht so einfach, denn auf der Plattform gibt es selbst für die Einsteiger kaum Platz. Die Türen gehen auf und das Drängeln geht los, natürlich nach mehr oder weniger festen Regeln: eine Hand schützt die Wertsachen (Geld, Handy, Genitalien) die andere wird als Waffe gegen alle anderen Spieler eingesetzt. Schubsen, Stossen, auf die Füsse treten gelten als faire Mittel, die das Vorwärtskommen ermöglichen. Schlagen, Beissen, und an der Nase drehen wird jedoch als Foul gesehen und wird von den anderen Spielern mit ähnlichen Fouls erwiedert, bis die Schiedsrichter mit Schlagstöcken einschreiten. Bis jetzt hab ich einmal soetwas gesehen. Ansonsten sind die Mexikaner sehr faire, sportliche Kämpfer. Jeder Schubs, jeder Stoss, jede Abwürgung der Menge durch strategisch plazierte Körpermassen, wird von einem "Con permiso," einem "Lo siento," oder einem lauten "Andalé!" begleitet. Wenn man es schliesslich geschafft hat sich in die Bahn zu quetschen, hat man das Spiel gewonnen. Zumindest eine Halbzeit, wenn man irgendwo umsteigen muss. Ansonsten bleibt man als Verlierer draussen stehen, allerdings mit erheblich mehr Chancen in der nächsten Runde.

Kein Wunder also, dass jeder Anzug, und jede Kravatte zum Schluss so zerknittert rauskommt als hätte man darin geschlafen. Schon dadurch kann man die Reichen (sprich Autofahrer) von den Fresas (wortwörtlich Erdbeeren) unterscheiden. Letzteres ist ein Ausdruck, der soviel wie Angeber oder Streber bedeutet. Einer der gern bei den Reichen mitspielen würde, oder sich einen Anzug (oder eben Auto...) kauft und so tut als wäre er einer der oberen 10,000. Konsequenterweise möchten sich die Leute, die leicht für Fresas gehalten werden könnten (also ein Grossteil meiner Klienten), so sehr von diesem Immage distanzieren wie sie nur können. So findet man unter ihnen z.B. sehr viele Wochenendgothen und ähnliche möchtegern Kulties. Das soll natürlich nichts persönlich gegen sie aussagen, dafür können sie ganz sympatisch sein. Sympatischer jedenfalls als die Fresa-rufenden Proleten von Iztapalapa, oder die echten Fresas, die's halt überhaupt nicht mehr merken. Denn von der Sorte gibt es ebenfalls jede Menge, und ich kann nur sagen, der Begriff "Erdbeere" trifft bei ihnen voll ins Schwarze, bzw. ins Rosane.